Als Fotograf in New York sehe ich die Stadt immer durch zwei Ebenen: das, was vor mir liegt, und das, was war. Als ich kürzlich meine alten New-York-Fotos wieder hervorholte, wurde mir bewusst, wie eindrücklich sie von den Spannungen dieser Stadt erzählen – und wie aktuell sie plötzlich wieder wirken.
Auf einem meiner Bilder steht eine verfallene Brücke in New Jersey, ein stummer Zeuge einer Zeit, in der ganze Viertel vom Strukturwandel zurückgelassen wurden. Im selben Blickfeld, nur ein Stück weiter über den Hudson hinweg, erhebt sich der Financial District – makellos, aufstrebend, glänzend. Und dazwischen das neue One World Trade Center, als würde es die Stadt daran erinnern, wie oft sie sich schon neu erfinden musste.
Beim Durchsehen dieser Aufnahmen kam mir auch die Geschichte derer in den Sinn, die früher über Ellis Island ankamen – Menschen, die damals mit einer fast greifbaren Hoffnung auf Freiheit, Selbstbestimmung und ein besseres Leben nach Amerika kamen. Die Freiheitsstatue, ein Geschenk der Franzosen, war ihr erstes Signal: Hier sollen Freiheitsrechte gelten, hier soll der Mensch vor Macht geschützt sein.
Doch vielleicht wirken diese Bilder gerade jetzt so stark, weil sich vieles verändert hat. Die Diskussionen darüber, welche Rechte eingeschränkt werden und welches Maß an Freiheit eine Gesellschaft sich zutraut, sind überall spürbar – in den Straßen, in den Medien, in den Gesprächen. Und so bekommen meine alten Fotos plötzlich eine neue Bedeutung: Sie zeigen nicht nur soziale Gegensätze, sondern erinnern daran, wie wertvoll jene Idee von Freiheit ist, die diese Stadt einst so stark geprägt hat.
Mit meiner Kamera halte ich fest, was bleibt, was bröckelt und was sich neu formt. Und vielleicht erzählen meine Bilder heute mehr denn je davon, dass Freiheit nie selbstverständlich ist – und dass New York zwar ein Symbol dafür wurde, aber auch ein Ort geblieben ist, an dem man genau hinschauen muss.
